Bauhaus im Harz: Mit Schwimmbad unter der Kirche

In diesem Jahr zum 100. Jubiläum des Bauhauses ist das Interesse an dem Diakonissenmutterhaus in Elbingerode im Harz in Sachsen-Anhalt sprunghaft gestiegen. Dieses architektonische Juwel von überregionaler Bedeutung als Vertreter des Neuen Bauens ist im Original erhalten. Es ist kein Museum, sondern eine lebendige diakonische Einrichtung. Das 1934 eröffnete Haus liegt ein paar Kilometer abseits des Grünen Bandes. Vielleicht war es ein Glücksfall der Geschichte, dass das Diakonissenmutterhaus in Elbingerode während der DDR-Zeit nicht im Fünf-Kilometer-Sperrgebiet und vor allem nicht im 500-Meter-Schutzstreifen lag. Dann wäre es vielleicht wie viele Häuser, Gebäude und Anwesen unmittelbar an der ehemaligen innerdeutschen Grenze abgerissen worden.

Zu verdanken ist dieses Bauhaus-Gebäude der mutigen und weitsichtigen Schwester Klara Sagert, ab 1924 Oberin in Elbingerode. Es wurden immer mehr Schwestern, so dass ein Neubau notwendig wurde. Schwester Klara hatte Kontakt zu dem jungen Architekt Godehard Schwethelm und seiner Frau Isolde, die als Innenarchitektin tätig war. Reinhard Holmer, heutiger Direktor des Diakonissen-Mutterhauses weiß, dass das Architektenpaar sich intensiv mit dem Alltag der Schwestern beschäftigt hat. „Schwethelm war zwar kein Bauhaus-Schüler, hatte aber das Denken verinnerlicht“, so Holmer. „Wie wollen wir wohnen, wie wollen wir leben, wie will unsere Gesellschaft in Zukunft leben“, nennt der Pfarrer die zentralen Fragen des damaligen Architekten. Das Ehepaar lebte einige Zeit in dem Diakonissenmutterhaus gemeinsam mit den Schwestern, um deren Bedürfnisse zu verstehen. Der Leitung des damaligen Diakonieverbandes waren die Ideen des Architekten viel zu modern. Sie wollte einen Neubau im traditionellen Stil. Schwester Klara setzte sich durch. Sie lud Godehard Schwethelm ein, seinen Entwurf des Gebäudes im völlig neuen Stil vorzustellen und zu erläutern. Der war so überzeugend, dass der Bau in Stahlskelettbauweise realisiert wurde.

Pfarrer Reinhard Holmer kommt ins Schwärmen, wenn er durch das Haus führt. „Der Bau funktioniert heute noch. Es war alles sehr großzügig und weitsichtig geplant.“ Der Kirchsaal ist im Zentrum des Komplexes. „Er war damals schon als Multifunktionsraum geplant mit Leinwand und einer mobilen Kanzel.“ Schwester Anette organisiert gerade, dass die Kanzel weggefahren und stattdessen eine Bühne aufgebaut wird. Alles läuft routiniert und zügig ab. „Wir können hier jede Art von Veranstaltungen machen – Konzert, Theater, Kinovorführungen, Tagungen, Feiern“, erklärt Holmer. Wenn man die Holzfaltwand – auch ein Original aus den 30er Jahren – öffnet, passen 700 Personen in den Saal.

Schwethelm plante nicht nur funktional und ästhetisch, sondern auch nach dem neuesten Stand der Technik. Moderne Technik sollte den Alltag der Schwestern erleichtern. Er ließ ein Maschinenhaus mit Hochdruckkesseln bauen. Mit dem Dampf wurde geheizt, alle möglichen Bereiche wie Küche, Wäscherei und Bäckerei betrieben und Strom erzeugt. Der Architekt soll Schwester Klara vorgeschlagen haben, den überschüssigen Dampf, der in der Nacht anfällt, entweder für ein Schwimmbad oder für ein Gewächshaus zu nutzen. Sie dachte an ihre Schwestern und entschied sich für das Schwimmbad, denn Sport sei wichtig. So entstand unter dem Kirchsaal ein Schwimmbad mit 20 Meter Länge und 6 Meter Breite und eine Bäderabteilung. Und auch dies ist noch voll in Funktion. Holmer zeigt den Zeitplan: immer belegt. Genutzt wird es von den Schwestern, Gästen, Mitarbeitern, Sportvereinen, Schulen und für Reha-Sport. „Viele Elbingeröder Kinder haben hier schwimmen gelernt.“

„Heute ist das Diakonissenmutterhaus eher ein Altenheim“, gibt Holmer zu Bedenken. Obwohl ein Großteil der 130 Schwestern im Ruhestand seien, würden viele nach ihren Möglichkeiten noch mithelfen. „Wir wissen, dass wir aussterbend sind.“ Aber Holmer lässt keine Endzeitstimmung aufkommen. Er hat Visionen, die er den Schwestern vermittelt: „Auch in Zukunft werden in dem außergewöhnlichen Gebäude diakonische Aufgaben erledigt – egal ob für Suchtkranke, psychisch Kranke, Frauen mit Kindern oder Geflüchtete. Gäste werden sich wohlfühlen, eine Kirchgemeinde wird hier ihr zu Hause haben. Diese Aufgaben werden in 30 Jahren nicht mehr von Frauen mit Haube erledigt werden, aber trotzdem hat sich der Einsatz der Diakonissen gelohnt.“

Der Wandel hat in Elbingerode längst begonnen. In der angegliederten Berufsfachschule können junge Menschen unterschiedliche soziale Berufe erlernen. Schon heute nutzen sie die Räume im Diakonissenmutterhaus und nehmen an Andachten gemeinsam mit Mitarbeitern und Schwestern teil. Die Organisation der Küche ist an eine Servicegesellschaft vergeben. „Es ist doch gut, dass jemand hier vor Ort für uns kocht, auch wenn es keine Frauen mit Haube mehr sind“, so der Pastor. „Die Diakonissen hätten ja auch gar nicht mehr die Kraft dafür.“

Schwethelm setzte Materialien ein, die nicht nur ästhetisch reizvoll, sondern auch nachhaltig sind, was Erhalt und Pflege betrifft. „Es soll so dauerhaft wie möglich, so praktisch wie möglich und so ästhetisch wie möglich gebaut werden“, wird der Architekt zitiert. „Das Teuerste ist das Billigste“, warb die Bauherrin damals für Schwethelms Entwurf. So ist das Haus in einem hervorragenden Zustand. „Es wurde immer von den Schwestern geschätzt und gepflegt“, würdigt Holmer die Leistung der Diakonissen. Die detailverliebte Innenausstattung mit Möbeln, Einbauschränken, Kacheln, Türen, Türgriffen, Bleiverglasungen, individuell gestalteten Säulen und vieles mehr ist erhalten.

Dass Elbingerode noch heute ein wichtiger Standort der Diakonie ist, ist der Initiative der Oberin Herta Kalkowsky zu verdanken. Sie erkannte Mitte der 70er Jahre, dass alkoholabhängige Menschen Unterstützung brauchten. Obwohl es offiziell in der DDR keinen Alkoholismus gab, war die Therapieeinrichtung zu DDR-Zeiten immer ausgebucht. Menschen aus dem ganzen Land und aus allen gesellschaftlichen Gruppen kamen aufgrund des guten Rufes in die kirchliche Einrichtung, um sich behandeln zu lassen. Daraus entwickelte sich in den 90er Jahren eine moderne Suchtklinik. Das Diakonie-Krankenhaus Elbingerode ist heute ein bedeutender Arbeitgeber im Harz.

Pastor Reinhard Hollmer geht immer noch staunend durch das Gebäude. „Ich arbeite jetzt acht Jahre hier und entdecke immer noch neue Details. Darunter auch viele Symbole des Glaubens“, so Hollmer. Er zeigt das lichtdurchflutete Zimmer der heutigen Oberin Schwester Kerstin Malycha. „Es ist wie eine Kommandobrücke, von der man auf das gesamte Areal schauen kann“, formuliert er seine Interpretation. „Dieser Architekt muss sich unglaublich viele Gedanken für dieses Haus gemacht haben.“

 

Im Bauhaus-Jahr gibt es Mittwoch und Samstag jeweils um 15 Uhr eine Führung durch das Gebäude.