Fränkischer Dialekt in Bayern und in Thüringen

 

Dr. Verena Sauer ist als Sprach- und Kulturwissenschaftlerin Dialektforscherin. Sie ist in Sonneberg in Thüringen mit dem itzgründischen Dialekt aufgewachsen. Zum Studium ging sie nach Dresden. Im Frühjahr 2018 hat die 30-Jährige ihre Promotion an der Universität in Kiel mit Untersuchungen zum itzgründischen Dialekt abgeschlossen. An diesem Wochenende ist sie zum Tag der Franken, den Neustadt bei Coburg und Sonneberg erstmals länderübergreifend gemeinsam feiern. Ich habe mit Verena Sauer ein Telefoninterview geführt.

 

 

Sie sprechen itzgründisch. Wie erklärt man Laien diesen Dialekt?

 

Itzgründisch ist Fränkisch, genauer gesagt ein ostfränkischer Dialekt. Viele denken bei Ostfränkisch an Ostdeutschland, damit hat es aber gar nichts zu tun. Das Reich der Franken war riesig und aus dieser Zeit stammt die Bezeichnung.

 

 

Was haben Sie in Ihrer Dissertation untersucht?

 

Meine Frage war, ob sich der itzgründische Dialekt, der im Raum Coburg und Sonneberg gesprochen wird, durch 40 Jahre Trennung verändert hat. Ich hatte Sprachaufnahmen von Menschen aus dem Raum Sonneberg und dem Raum Coburg aus den 60er und 90er Jahren sowie von 2014, die alle zu Forschungszwecken gemacht wurden. Auch in der DDR gab es Erhebungen zu Dialekten, die ich für meine Forschung nutzen konnte. Ich habe anhand dieser Sprachaufnahmen analysiert, wie die Menschen tatsächlich sprechen.

 

Meine zweite Frage war: Wie nehmen die Menschen den Dialekt war? Dazu habe ich Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Studie Hörbeispiele vorgespielt.

 

 

Und die Ergebnisse?

 

Ganz kurz gesagt: Coburger und Sonneberger sprechen ganz ähnlich und sie nehmen die Dialekte als gleich war. Die häufigste Aussage bei den Hörbeispielen war: „Das ist mein Dialekt.“ Und das sagten sowohl Coburger über Sonneberger als auch umgekehrt. Zur Sicherheit habe ich Hörbeispiele aus Kronach in die Studie einfließen lassen. Dort spricht man ein anderes Fränkisch und das haben auch alle, sowohl Coburger als auch Sonneberger sofort als einen anderen Dialekt oder als Kronacher Dialekt erkannt.

 

 

Wie kann es sein, dass sich ein Dialekt über so einen langen Zeitraum hält und nicht durch die deutsche Teilung unterschiedlich weiterentwickelt hat?

 

Ich erkläre das folgendermaßen: Sowohl in Sonneberg als auch in Coburg wurde der Dialekt „konserviert“. Sonneberg lag im Sperrbezirk, zumindest bis Anfang der 70er Jahre, und konnte mit dem Hinterland wenig kommunizieren. Gerade die Sonneberger sind unter sich geblieben. Aber auch in Coburg gab es durch die Zonenrandlage ein ähnliches Phänomen: Es gab nicht so viele, die in diese Region wollten, die Menschen blieben unter sich.

 

 

Ist es den Menschen bewusst, dass sie den gleichen Dialekt sprechen?

 

Die Sonneberger wissen, dass sie kein Thüringisch sprechen, aber dass sie Fränkisch sprechen, ist ihnen oft nicht bewusst. Ein Grund könnte sein, dass die politische Identität mit Thüringen sehr stark ist. In Coburg ist es genau umgekehrt. Da kommt ganz klar die Aussage: Wir sind keine Bayern, wir sind Franken.

 

 

Könnte das mit der Sozialisation in der DDR zusammenhängen?

 

Das glaube ich nicht, denn bei vielen Sonnebergern ruft die DDR keine positiven Assoziationen hervor. Durch die Lage im Sperrbezirk verkümmerte die einst blühende Spielzeugstadt zu einer grauen Stadt.

 

 

Was bedeuten diese Ergebnisse nun für die Entwicklung in der Region?

 

Meine Forschung war rein sprachwissenschaftlich ausgelegt. Aber das Interesse an diesen Ergebnissen ist groß. Gerade jetzt zum Tag der Franken möchte man zeigen, dass es eine kulturelle und sprachliche Einheit zwischen Sonneberg und Coburg gibt. Und die ist auf jeden Fall sichtbar. Es ist nicht nur der itzgründische Dialekt, der es zu einer Einheit macht, auch die Feste sind ähnlich. Überall wird Kirchweih („Kerwa“) gefeiert. Essen und Getränke sind ähnlich. Sowohl in Coburg als auch in Sonneberg werden Osterbrunnen dekoriert.

 

 

Gibt es ähnliche Phänomene in anderen Regionen entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze?

 

Das kann ich nicht sagen, aber es gibt bereits Sprachaufnahmen, so dass man ähnliche Analysen entlang der ehemaligen Grenze machen könnte.

 

 

Vielen Dank für das Gespräch.