Kulturlandschaft, die Pflege braucht

Thomas Findeis (links), zuständig für Naturschutz im Vogtlandkreis, und Hellmut Naderer, ehemaliger Leiter der Naturschutzbehörde im Altkreis Oelsnitz, auf dem Kolonnenweg im Naturschutzgebiet „An der Ullitz“. Sie diskutieren über die „artenreiche Mähwiese“ direkt neben dem Grünen Band.

 

Hellmut Naderer und Thomas Findeis haben maßgeblich dazu beigetragen, dass das Grüne Band Sachsen mit einer Länge von 42 Kilometern unter Naturschutz steht. Heute gelten sie als Kenner und Hüter des Streifens entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen Dreiländereck Bayern-Sachsen-Tschechien und dem Dreifreistaatenstein, dem einzigen Punkt in Deutschland, an dem drei Freistaaten aneinanderstoßen: Bayern, Sachsen und Thüringen.

 

Hellmut Naderer stammt aus Oelsnitz südlich von Plauen. Er arbeitete während der DDR-Zeit für eine LPG, interessierte sich aber schon immer für Natur- und Umweltschutz und engagierte sich seit Anfang der 80er Jahre in der DDR-Vereinigung „Gesellschaft für Natur und Umwelt“. Ab März machte er sein Hobby zum Beruf und arbeitete für die Naturschutzbehörde im ehemaligen Landkreis Oelsnitz. Naderers erstes Ziel war es, den Kolonnenweg und den KFZ-Sperrgraben als bauliches Denkmal zu erhalten. Dadurch sei der Streifen geschützt gewesen und „wir konnten den nächsten Schritt angehen, das Gebiet unter Naturschutz zu stellen.“

 

Bereits Ende 1990 kommt Thomas Findeis ins Spiel. Er stammt aus der Region Hof und suchte als Student der Landespflege in Freising/Weihenstephan ein Thema für seine Diplomarbeit. „Ich fuhr mit dem Fahrrad ein paar Kilometer auf dem Kolonnenweg und wusste am Abend, dass das mein Thema sein wird.“ Die Vielfalt der Lebensräume eingebettet in die vogtländische Landschaft faszinierte ihn. Stolz zeigt er Kopien des ersten Schriftwechsels mit Naderer mit Bitte um Unterstützung bei seiner Diplomarbeit. Im Frühjahr 1991 kartierte er gemeinsam mit einem Studienkollegen 1600 Hektar im bayrisch-sächsischen Grenzgebiet, das heißt, er erfasste die dort lebenden Tier- und Pflanzenarten. Damals wusste er noch nicht, dass das Grüne Band sein Lebensthema werden wird. Heute arbeitet er im Bereich Naturschutz im Landratsamt Vogtlandkreis, das für das Grüne Band Sachsen zuständig ist.

 

Die Datenlage war so gut, dass das gesamte Grüne Band bereits Ende 1990 vorläufig und 1996 endgültig unter Naturschutz gestellt wurde. Thomas Findeis erklärt noch eine Besonderheit in Sachsen: „Wir konnten viele Flächen, die auf sächsischer Seite an den Kolonnenweg angrenzen, ebenfalls unter Schutz stellen.“ Das war nur möglich, da sich die DDR-Regierung im Zuge der Grenzsicherung mehr Land aneignete als man immer dachte. Diese Flächen wurde zwar von den LPGs bewirtschaftet, nach der Wende „entzogen wir den landwirtschaftlichen Betrieben diese Flächen“. Somit konnten 35 Hektar Ackerfläche in extensives Grünland umgewandelt werden. Diese Flächen werden nicht gedüngt, sondern nur gemäht oder von Schafen beweidet. „Es sind Puffergebiete für Tierarten, die größere Flächen brauchen.“

 

Findeis erklärt die Besonderheiten des Grünen Bandes am Beispiel des Naturschutzgebietes „An der Ullitz“: Es ist ein Offenlandbiotop mit unterschiedlichen Wiesenflächen und einzelnen Gehölzgruppen. Oft wird behauptet, dass die Natur sich hier über 40 Jahre selbst überlassen blieb. Dem widerspricht Findeis. „Es ist ein Kulturbiotop, das heißt, ein von Menschen geschaffenes Biotop.“ Deshalb reiche es auch nicht aus, das Gebiet unter Schutz zu stellen, das Grüne Band braucht Betreuung und Pflege, das heißt, es muss geholzt werden und die Wiesen müssen gemäht bzw. beweidet werden. Braunkehlchen und Neuntöter (er tötet seine Beute auf neun verschiedene Arten) fühlen sich laut Findeis in dieser offenen Landschaft sehr wohl. Der Schmetterling „Goldener Scheckenfalter“ gilt als stark gefährdet. Im Grünen Band gibt es ihn noch. Findeis zeigt eine Wiese im Naturschutzgebiet „Himmelreich“, die direkt an das Grüne Band angrenzt. Bis vor kurzem standen hier Fichten, jetzt ist es eine Wiese, in der unter anderem Teufelsabbiss gesät wurde. „Die Maßnahme hat gefruchtet“, resümiert Findeis. Es gibt wieder Wiesen mit Teufelsabbiss Auf die Blattunterseite dieser unscheinbaren Pflanze legt der Goldene Scheckenfalter seine Eier. Die Raupen fressen die Blätter.   

 

Trifft man Findeis und Naderer, so weiß man wer der Wessi und wer der Ossi ist. Allein der Dialekt verrät es. Sie haben über Jahrzehnte hervorragend für die Sache zusammengearbeitet. Sie kennen die Sprüche über „den arroganten Hofer“ und „den abweisenden Ossi“. Darüber schmunzeln sie. Aber Findeis gibt zu, dass er sich ärgert, wenn er nach bald 30 Jahren Arbeit in einer Behörde in Sachsen immer noch als „Westimport“ bezeichnet wird. „Ich kam hier nicht her, um den Ossis zu zeigen, wie Naturschutz geht. Ich war Berufsanfänger und wollte meinen Job machen.“ Und Naderer ergänzt: „Er hat sich immer zu Sachsen bekannt.“ Die Arbeit hat sich gelohnt: „Das Grüne Band Sachsen genießt großes Ansehen und hohe Anerkennung in der Bevölkerung.“